Fahars aktuelle Malerei

Ein zentrales Sujet der Malerei von Fahar Al-Salih ist die Behausung: als elementare, dabei universelle Konstruktion und als Idee, um gesellschaftlich und philosophisch motivierte Inhalte zu veranschaulichen.

Entwickelte Fahar zunächst im impulsiven Gegeneinander breiter Pinselbahnen die Vorstellung einzelner Zelte und Hütten inmitten weiter Landschaften oder unwirtlicher dichter Bewaldung – also außerhalb jeder Zivilisation – so schuf er anschließend abstrahierte Stadtszenarien in einer flirrenden pastellfarbenen Buntheit mit hohen Weißanteilen. Tektonische Blöcke stehen neben- und übereinander und verschmelzen bisweilen als kantige Farbfetzen. Indem sie in die Bildtiefe gestaffelt sind, evozieren sie die Begehbarkeit. Mitunter ist der Farbgrund porös, entbehrt jeder Stabilität. Die Brüchigkeit ist dem zivilisatorischen Fortschritt, der hier als Ahnung gegenwärtig ist, eingeschrieben. – Gegen eine gänzlich gegenstandsfreie Lesbarkeit spricht (neben dem gelegentlichen collagierten Einbezug von Fotovorlagen), dass die Pinselführung vertikal ausgerichtet ist, die Transparenz des Auftrages wird von Lichtreflexen durchsetzt.

War zunächst also unter „Gebäude“ der pure Schutz der Existenz zu verstehen, so weicht dies der Funktionsarchitektur der Großstadt zwischen Lebens-, Wohn- und Arbeitsraum, welcher schließlich den Menschen beherrscht und selbst Angriffsflächen bietet. Damit geht es auch weiterhin um Gefährdung, das Unsichere, das mit einer psychischen Orientierungslosigkeit einher geht. Die Reize der Metropolen, die von wahren Menschenmassen begangen werden, forcieren das Ausgeliefertsein im Labyrinthischen. Zugleich betonen diese Bilder in den Bruchstücken der Farben die spezifischen Temperierungen und Farbgebungen in unterschiedlichen Gegenden auf der Welt: als Ikonoclash zwischen Tradition und grasierender Globalisierung.

In seinen jüngsten Malereien nun hat Fahar die verschiedenen Komponenten dieser beiden Bildgruppen zusammengeführt. Zugleich ist sein Duktus freier geworden; zwischen Ruhe und Unruhe, Weite und klaustrophobischer Enge löst sich seine Malerei noch stärker vom Gegenstand. Mithin verschmelzen die Sphären des Urbanen und des Landschaftlichen, welches jetzt jedoch wieder dominiert. Die Malerei selbst ist offener, besteht mehr aus großen Farbflächen, die wie Flecken aufgetragen und dezentral angelegt sind. Dabei entstehen hinreißende, meist lichtdurchflutete Farbakkorde und Brechungen der Flächen durch lineare Einzeichnungen.

Malerei wird zum sichtlichen Ereignis, das die Stimmung der Orte einfängt und selbst vorübergehend bleibt. Die breiten Pinselhiebe werden mitunter mehrdeutig, wirken bisweilen wie der Schatten einer Figur oder eines Gebäudes. Die Szenen ereignen sich nicht mehr aus der Distanz, sondern scheinen uns zu umgeben.

Da ist gleißendes Gelb, welches sich durch das Grün einen Weg bricht, oder ein kruder dunkelblauer Giebel legt sich vor ein kantiges Braun im Mittelgrund, während sich ein Hellblau licht in der Tiefe öffnet. Konstitutiv für diese neuen Bilder wird die Dachform, welche Fahar teils durch das Gegeneinander der Pinselstriche, teils im kantigen Abknicken und teils als Negativwert durch Übermalungen gewinnt. Im Bild „The Freezer is in the Gardenhouse“ entsteht daraus eine ganze Stadtsilhouette. Das Konzept der „shelter“ ist nun also offen gefasst, bewahrt aber den Hinweis auf die Fragilität der Umgebung.

Grundlage von all dem aber ist die persönliche Biographie Fahars mit den Wechseln der so verschiedenen Lebensorte und sein Gefühl für die Unterschiedlichkeit der Gesellschaften. Fahars großes Thema ist Heimat und damit auch die Heimatlosigkeit. Sein Konzept reflektiert das Nomadisieren und die Migration. Er hat die Konflikte der Religionen und der Kulturen ebenso vor Augen wie die Überbevölkerung in den Metropolen zwischen Öffentlichkeit und privatem Rückzug. Fahars Malerei bringt die pulsierende Urbanität in einer globalen Welt mit ihren Bedrohungen, aber auch ihren heiteren Momenten zum Ausdruck.

Dr. Thomas Hirsch, Düsseldorf

 

 

Erster Westkünstler aus Nahost
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